Wichtige Impulse für den EntdeckungsRaum gehen auf die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler zurück. Als Leiterin des Säuglings- und Kinderheims Lózcy ging sie im 20. Jahrhundert neue Wege in der Kleinkindpädagogik. Die für mich wichtigen Inhalte, die im EntdeckungsRaum zum Tragen kommen, werden im Folgenden erläutert.

»Indem wir ein Kind beobachten, schenken wir dem Kind Zeit für ununterbrochenes Spiel. Indem wir es nicht unterbrechen, wertschätzen wir das, was es gerade tut.«   Magda Gerber

DIE FREIE BEWEGUNGSENTWICKLUNG

Emmi Pikler zeigt anhand fundierter Beobachtungen im Lózcy auf, dass sich die Bewegungsentwicklung eines Kleinkindes ausgehend vom freien Liegen auf dem Rücken, zum Drehen, Rollen, Robben, Sitzen, Krabbeln, Stehen und dann sicheren Gehen nach einem selbständigen inneren Bauplan vollzieht.

Aus diesem Wissen heraus entsteht ein absolutes Grundvertrauen in die Kompetenz des Kindes. Es ist somit Initiator und Entdecker seiner eigenen Entwicklung, den es dazu drängt, zu lernen, wofür es bereit ist. Das Kind wächst durch diese Eigenaktivität hinein in eine Selbstbestimmtheit, die sein Selbstvertrauen von Grund auf stärkt und nährt.


Die gestaltete Umgebung

Aus dem Vertrauen in die naturgegebene Kompetenz des Säuglings entwickelte Emmi Pikler eine Bewegungslandschaft bestehend aus Podesten, Rampen, Rutschbrettern, Sprossenleitern und Hockern und schuf so eine vorbereitete Umgebung, in der das Kind Dinge tun kann, die es von Natur aus, von sich aus tun möchte. Sie ermöglichen ihm ohne Hilfe eines Erwachsenen seinen Körper in Bewegung kennenzulernen und zu erforschen. Dies führt zu einer verlässlichen Körperwahrnehmung und ist eine Art Fundament auf die Umwelt zuzugehen, sie zu erkunden und in ihr wirksam zu werden.

Flexible, sogenannte unstrukturierte Spielmaterialien zum Greifen, Tragen, Sortieren, Stapeln, Ein-/Aus-/Umräumen sowie Körbe, Kisten und Schalen aus den verschiedensten Materialien ergänzen die Bewegungsgeräte. Das Spielmaterial lässt dem Kind Raum, es nach seinem Interesse zu handhaben und dabei die unterschiedlichsten Eigenschaften und Möglichkeiten zu erforschen und seine Kreativität zu entfalten.

Der Raum, wenn er in dieser vorbereiteten Weise gestaltet ist, fördert auf ganz natürliche Weise die Konzentrationsfähigkeit und das ausdauernde Tätigsein. Er kann anregen, herausfordern, trösten, beruhigen und zu einem körperlichen und seelischen Gleichgewicht beitragen.


Eine Kultur des Beobachtens

/ mit ganzer Aufmerksamkeit / wohlwollendem Blick / ernstem Interesse und Neugier / mit voller Wertschätzung und mit offenem Herzen /

Um in die beobachtende Haltung zu kommen, gehe ich in die Stille, bin anwesend in mir, um mich von dort aus dem Geschehen aufmerksam zuzuwenden.
Diese aufmerksame Beobachtung macht empfindsam für all das, was sich jetzt und hier im Leben und Forschen meines Kindes ereignet. Ich kann teilhaben an dem vielfältigen Handeln meines Kindes, seinem selbstgewählten Spielthema und mich an seinen Erfahrungen, Entwicklungen und Erlebnissen mitfreuen.

Im Beobachten entdecke ich die derzeitigen Interessen und Fähigkeiten und kann die vertraute Umgebung zuhause »ihm gemäß« gestalten. Die achtsame Präsenz schenkt den Kindern Sicherheit und Vertrauen im eigenverantwortlichen Tun und Experimentieren. In der wahrhaftigen Anteilnahme erleben sie tiefe Wertschätzung.



»Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das wichtigste ist. Ein Kind, dass durch selbstständige Experimente etwas erreicht, erwirbt ein ganz andersartiges Wissen als eines, dem die Lösung fertig geboten wird.«

Emmi Pikler / aus »Zufriedene Babys, zufriedene Mütter«